Die Freuden einer pflegenden Angehörigen.

Oder: Der ewige Kampf mit den Medikamenten, ein Drama in drei Akten.

Prolog: Die heilige Krankenkassenkarte.

Vor einigen Monaten.

Ich: „Mama, der Pflegedienst kann für uns komplett die Medikamentenversorgung übernehmen. Das heißt: Wenn die Medikamente zur Neige gehen, dann rufen die beim Arzt an, bestellen ein neues Rezept, holen das Rezept ab, gehen in die Apotheke, besorgen die Medikamente und bringen sie zu Dir. Klingt doch super, oder?“

Mama: „Oh ja, das wäre ja toll, das würde Dich ja sehr entlasten, zumal meine sieben Medikamente ja nie gleichzeitig zu Ende gehen und Du ständig ein Auge darauf haben und immer wieder loslaufen musst.“

Ich: „Ganz genau. Und alles, was Du dafür machen musst, ist einmal pro Quartal Deine Krankenkassenkarte an den Pflegedienst aushändigen, damit sie die beim Arzt durchziehen lassen können.“

Mama: „Kommt nicht infrage! Ich gebe doch meine Krankenkassenkarte nicht irgendwelchen Fremden in die Hand! Wenn die verloren geht! Nicht auszudenken!“

Ich: „Aber Mama, was soll denn dann passieren?“

Mama: „Kann man nie wissen! Dann findet die jemand und geht auf meine Kosten zum Arzt!“

Ich: „Aber Mama, da ist doch Dein Bild drauf. Das würde man in der Arztpraxis doch merken.“

Mama: „Seine Bankkarte gibt man doch auch nicht einfach so aus der Hand!“

Ich: „Ja, aber damit kann ja auch viel mehr Schindluder getrieben werden. Wenn die Krankenkassenkarte weg ist, dann ruft man einfach die Krankenkasse an, lässt sie sperren und bekommt eine neue. Ich glaube, das kostet noch nicht mal was! Außerdem verliert der Pflegedienst die schon nicht. Das machen die täglich!“

Mama: „Nein. Trotzdem. Kommt nicht infrage.“

Erster Akt: Ein Rezept in der Vorweihnachtszeit.

Was Mama nicht will, will Mama nicht. Also übernehme ich weiterhin die Bevorratung ihrer Medikamente. Das bedeutet, ich checke alle 14 Tage den Bestand und bestelle nach, wenn es etwas nachzubestellen gibt. Es sind sieben Medikamente. Sieben Medikamente, die immer in unterschiedlicher Anzahl verpackt sind und nie gleichzeitig zu Ende gehen. Man kann sie nicht auf einmal bestellen, dann streikt der Hausarzt irgendwann, weil man zu Hause eine eigene Apotheke eröffnen könnte.

Vor Weihnachten ist es besonders wichtig, in dieser Hinsicht aufmerksam zu sein. Denn zwischen den Jahren und Anfang Januar hat die Hausarztpraxis geschlossen und wird von einer anderen Praxis am anderen Ende der Stadt vertreten. Um Umwege in den Ferien zu vermeiden, ließ ich mir am 10.12.2018 also ein Rezept für zwei Herzmedikamente ausstellen, die meinen Berechnungen zufolge am 09.01.2019 zu Ende gehen würden.

Wie es die Vorweihnachtszeit so an sich hat, habe ich es tatsächlich bis zum 08.01.2019 nicht geschafft, das Rezept einzulösen. Aber ich war ja auch noch in der Zeit. Noch.

Zweiter Akt: Der Einlauf vom Pflegedienst.

Am 08.01.2019 liege ich krank im Bett, weiß aber natürlich, dass Mamas Medikamente heute zu Ende gehen. Aber ich bin eben krank. Kommt vor. Pflegende Angehörige werden auch krank!

Das Telefon klingelt, der Anrufbeantworter springt an. Ich höre meine Mutter, wie sie sich darauf lautstark empört: „Unmögliche Behandlung!“, „Im Ton vergriffen“ und „Muss ich mir denn alles gefallen lassen hier?“.

Der Pflegedienst ist wie jeden Tag bei ihr gewesen, um die Medikamenteneinnahme zu begleiten und hat festgestellt: Zwei der Medikamente sind heute zu Ende! Und dann haben sie Mama im unangemessenen Tonfall dafür angemotzt, obwohl sie die Letzte ist, die was dafür kann. Mama hat sich aufgeregt. Ich höre mir ihre Schilderungen an, greife fiebrig und mit Krächzen im Hals zum Telefon, rufe die Pflegedienst-Zentrale in unserem Stadtteil an und mache der diensthabenden Schichtleitung klar, dass sie mit einer herzkranken Achtzigjährigen anders umzugehen haben. Dabei bin ich trotzdem noch halbwegs freundlich, weil ich weiß, dass die alle unterbezahlt unter Dauerdruck stehen, und weil ich weiß, dass der Pflegedienst eigentlich Recht hat: Die Medikamente dürfen nicht zu Ende gehen. Schließlich würden sie die Bevorratung ja auch liebend gern übernehmen. Aber das verhindert meine Mutter ja mit ihrer Krankenkassenkarten-Verlustangst. Es ist kompliziert!

Die Schichtleitung reagiert beschämt darauf, dass die Pflegerin sich im Ton vergriffen hat und verspricht, sich um diese Angelegenheit zu kümmern.

Dritter Akt: Das abgelaufene Rezept.

Ich raffe mich auf und schleppe mich zur Apotheke. Vorsichtshalber rufe ich vorher bei der Apotheke an, um nachzufragen, ob ich ein Rezept vom 10.12.2018 einen Monat später noch einlösen könne. Die freundliche Apothekerin flötet:

Aber natürlich können Sie das! Ein Rezept ist genau vier Wochen lang gültig!

Ich stecke das Rezept ein und gehe in die Apotheke. Die Apothekerin zieht das Rezept durch ihr Lesegerät und sagt:

Das Rezept ist nicht mehr gültig.

Ich denke noch so bei mir: „Ach Mensch, jetzt schlägt meine Erkältung sich schon auf mein Hörvermögen nieder. Ich könnte schwören, die Apothekerin hätte gerade gesagt, das Rezept sei nicht mehr gültig, obwohl sie 15 Minuten zuvor am Telefon noch das Gegenteil versichert hat.“

Aber doch. Das Rezept sei genau eine Stunde zuvor abgelaufen, angeblich. Ich würde gern im Dreieck springen. Aber erstmal können vor husten.

Epilog: Warum nicht gleich so.

Mama lässt den Pflegedienst nun die Medikamentenversorgung übernehmen und trennt sich ab jetzt freiwillig einmal pro Quartal von ihrer Krankenkassenkarte. Ich hatte die Faxen dicke. Und die Pflegerin hat sich in aller Form bei Mama für den unangemessenen Tonfall entschuldigt. Geht doch. Es geht alles, man muss nur wollen. Und wir sind alle nur Menschen. Selbst pflegende Angehörige sind nur Menschen.

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