Eine Dauerreservierung: Mein Platz auf dem ewigen Nörgel-Posten

Abseits von den vielen, oftmals amüsanten Supermarkt-Telefonaten, die ich mit meinen Eltern so führe, gab es rund um die Frage, wie es mit ihnen weiter gehen soll,  in den letzten Wochen und Monaten viele ernste Momente, in denen wir gemeinsam wichtige Entscheidungen treffen mussten.

Seit zirka anderthalb Jahren organisiere ich den Haushalt meiner Eltern aus der Ferne. Und zwar ziemlich genau seit meine Mutter mit einer Herzinsuffizienz im Krankenhaus gelandet war, ohne mir ein Sterbenswörtchen davon zu verraten.

Damals war ich erst mal sprachlos, und dann bekam ich auch noch die vier verbalen Backpfeifen verpasst.

Ich musste mir plötzlich über alle möglichen Dinge Gedanken machen, über rechtliche Schritte wie die Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung und Bankvollmachten, aber auch ganz grundsätzlich über die Frage, wie lange es noch so weitergehen sollte / konnte wie bisher.

Wie lange würden meine Eltern noch allein zu Hause zurecht kommen?

Kamen sie es überhaupt noch?

Und wer hatte eigentlich das Recht, darüber zu urteilen und zu entscheiden?

Von Beginn an begleitete mich ein Mythos, nämlich der vom Notarzt, der, einmal gerufen, jederzeit dafür sorgen könne, dass meine Eltern im Pflegeheim landen, nachdem er ihre häusliche Umgebung als nicht mehr tragbar eingestuft hätte. Keine schöne Aussicht, vor allem, wenn man Eltern hat, die einem Notfälle gern mal verschweigen. Ich möchte das nächste Mal nur ungern nach zwei Wochen von den Nachbarn erfahren, dass einer von beiden seit 14 Tagen im Heim lebt.

Ich hatte damals ein sehr hilfreiches Gespräch mit der Leiterin eines ortsansässigen Pflegeheims. Für mich stand zwar direkt außer Frage, meine Eltern ins Pflegeheim zu geben, aber ich suchte jemanden, der sich mit dem Thema „Selbstbestimmung im Alter“ auskannte und mir den ein oder anderen guten Ratschlag geben konnte. Denn: Wenn auch das Pflegeheim für uns keine Lösung darstellte, so war doch relativ schnell klar, dass meine Eltern bald zumindest Hilfe in den eigenen vier Wänden benötigen würden. Doch auch das war bis dato ein absolutes Tabu-Thema für sie gewesen.

Ich konnte sie ja noch nicht mal zu simplen Hilfsmitteln wie einem Rollator oder einer Abstützstange am Bett überreden.

Ein fremder Mensch in ihrem Haus geschweige denn das Beantragen einer Pflegestufe – für Mama und Papa undenkbar! Aber für mich lag auf der Hand, dass sie Hilfe brauchten, nur leider half das gute Zureden nichts.

Jedenfalls klärte mich die Heimleiterin darüber auf, dass Ärzte Patienten nicht einfach so einweisen können. Und sie gab mir einen grundsätzlichen Rat, an dem ich mich bis heute festhalte. Sie sagte mir, sie hätte schon oft erlebt, dass Angehörige den Willen der Betroffenen ignorieren und einfach Dinge entscheiden, koste es, was es wolle. Dafür ziehen sie bis vors Betreuungsgericht, um quasi eine Entmündigung zu erreichen. Hat der Betroffene den Angehörigen zuvor freiwillig über die Vorsorgevollmacht als Betreuer bestimmt (was bei meinen Eltern und mir jetzt der Fall ist), kann der Angehörige ein psychologisches Gutachten erstellen lassen, um die Geschäftsfähigkeit des Betroffenen festzustellen. Ist diese nicht mehr gegeben, setzt das Betreuungsgericht den in der Vorsorgevollmacht definierten Betreuer ein, und dieser hat dann in der Regel die Möglichkeit, den Betroffenen in ein Pflegeheim zu geben. Notfalls auch gegen den Willen. In diesem Moment wurde mir erst richtig bewusst, wie viel Verantwortung damit einher geht, dass ich für Mama und Papa laut Vorsorgevollmacht als Betreuerin definiert bin.

Die Heimleiterin riet mir, ihren Willen zu respektieren.

Denn was bringt es, wenn die pflegebedürftige Person zwar perfekt versorgt ist, man sich bis zur quasi-Entmündigung dermaßen entzweit hat, dass man kein Wort mehr miteinander spricht? Ist das ein erstrebenswerter Zustand? Ist es richtig, den Betroffenen endgültig seiner Selbstbestimmung zu berauben, nur, um ihn in guten Händen zu wissen? Sie erzählte mir, sie hätte schon viele Angehörige gesehen, die den harten Weg gegangen, letztlich aber am Zerwürfnis verzweifelt waren. Ich würde das ebenso wenig wegstecken können, klar. Gleichzeitig muss ich aber ständig abwägen: Kann ich ihren Verbleib in den eigenen vier Wänden verantworten, und wenn ja, wie lange noch? Papa schläft vor dem Herd ein und kann jederzeit eine der Treppen hinabfallen, Mama kann das Haus nicht mehr ohne stützende Hilfe verlassen, und keiner von beiden ist dazu in der Lage, Alltagsbesorgungen zu erledigen, was beispielsweise die Medikamentenversorgung erschwert.

Aber reicht das schon aus, um ihnen ungewollte Hilfe – in welcher Form auch immer – aufzuzwingen? Ist es nicht schon eine Frechheit sondergleichen von mir, überhaupt darüber nachzudenken, ob und wann ich den Weg über das Betreuungsgericht gehen soll?

Und wann ist „nicht mehr geschäftsfähig“ eigentlich „nicht mehr geschäftsfähig genug“?

Für mich steht spätestens seit dem Gespräch mit der Heimleiterin fest: Ich handele nicht gegen ihren Willen. Niemals soll es so weit kommen. Das Problem ist nur, dass ich es auch nicht für immer garantieren kann. Vielleicht gibt es in Zukunft einen Moment, in dem ich merke, dass ich es eben doch nicht mehr verantworten kann, nichts zu unternehmen. Das ist aus 500 Kilometern Entfernung aber vergleichsweise schwieriger zu beurteilen als aus der Nachbarschaft. Vielleicht wird es auch einfach der Moment sein, in dem ich vollends damit überfordert bin, ständig runterzufahren. Dahinter verbirgt sich die Frage: Wie weit muss / kann ich mich aufopfern, und ab wann habe ich das Recht, dabei auch an mich zu denken? Ich vermag nicht zu prognostizieren, wann ich an den Punkt komme, an dem ich plötzlich doch den harten Weg gehen würde, um eine dringend notwendige Verbesserung gegen ihren Willen herbeizuführen, und wenn sie nur im Engagement eines Pflegedienstes innerhalb der eigenen vier Wände besteht.

Davon mal abgesehen: Ich bin davon überzeugt, dass sie in meiner Nähe lebend noch viel länger ein selbstbestimmtes Leben in ihrem eigenen Zuhause führen könnten als in Düsseldorf. Deshalb kämpfe ich dafür, sie vom Umzug zu überzeugen.

Apropos „überzeugen“ – genau da liegt der Hase begraben: Sie müssen wollen.

Ein Oxymoron, doch genau so ist es: Wenn ihr Wille fehlt, kann ich nichts machen. Im März wollten sie, aber jetzt hat Papa es sich anders überlegt. Nun bin ich hinsichtlich organisatorischer Dinge zur Passivität verdammt, und mir bleibt bloß die Rolle der zeigefingerhebenden Nörgeltochter, deren Argumente ohnehin die meiste Zeit zum einen Ohr rein und zum anderen Ohr wieder rausgehen. Wenn ich sie nicht noch vom Umzug überzeugen kann, dann hangeln wir uns in Zukunft in Düsseldorf von körperlicher Einschränkung zu körperlicher Einschränkung, für die wir dann jeweils vor Ort Lösungen finden müssen.

Keine sehr erbauliche Aussicht. Deshalb arbeite ich aber noch lange nicht gegen ihren Willen an, gegen ihre Selbstbestimmung oder gegen ihr Recht darauf, eigene Entscheidungen für ihr Leben zu treffen. Wie auch immer das Ganze ausgeht, wo auch immer der Weg einmal endet – solange ich die Wahl habe, bleibe ich lieber die zeigefingerhebende Nörgeltochter, statt zur elendigen Verräterin zu werden, die ihnen alles mögliche aufgezwungen hat. Am Ende zählt nur, wie wir uns gegenseitig in Erinnerung behalten werden. An diesem Ziel orientiere ich mich, vor allem in den dunkleren Momenten, in denen ich damit hadere, wenig tun zu können.

Solange ich die Wahl habe.

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