Die Mittwochs-Bestelldialoge, Folge 3: Von miserablen Töchtern und unbeständigem Briefporto

Der Weg zur Bank ist ja für meine Mutter heute nicht mehr so einfach. Deshalb bringe ich ihr normalerweise bei jedem meiner Besuche Bargeld von ihrem Konto mit. So auch letztes Mal. Leider hatte ich das Bargeld noch im Portemonnaie, als ich längst wieder Zuhause in Hamburg war – ärgerlich, aber kommt vor.  Deshalb wurde die Haushaltsgeld-Problematik in unserem letzten Supermarkt-Bestell-Telefonat zum Thema.

Ich: „Tut mir leid, Mama, ich ärgere mich total, dass ich vergessen habe, Dir in Düsseldorf das Geld zu geben.“

Mama (heute die Großzügigkeit in Person): „Schon gut. Jeder macht mal Fehler.“

Ich habe trotzdem ein schlechtes Gewissen, ich will ja auch nicht, dass meine Eltern bargeldmäßig auf dem Trockenen sitzen.

Mama: „Einhundert Euro hab ich noch, damit kommen wir noch hin.“

Autsch. Ich miserable Tochter.

Ich: „Ich könnte ja was mit der Post schicken.“

Mama: „Mit der Post? Nein, nein, nein. Das sagt einem doch schon der gesunde Menschenverstand, dass man kein Bargeld mit der Post schickt!“

Ich: „Aber ich komme erst in vier Wochen wieder, so lange reicht das Geld doch nie und nimmer.“

Mama (zögerlich): „Na ja, Du könntest es ja vielleicht Zwanziger-weise verschicken. Dann ist es ja noch zu verschmerzen, wenn mal ein Umschlag abhanden kommt.“

Wofür wir dann mehrere Wochen bräuchten, um das Haushaltsgeld von A nach B zu transferieren. Aber, so what.

Ich (erleichtert über diese halbwegs passable Lösung): „Okay. So machen wir’s.“

Mama (wenn schon, denn schon): „Und wenn Du sowieso schon zur Post gehst, dann hol mir doch bitte auch gleich zehn Briefmarken für Standardbriefe und steck sie mit dazu.“

Ich: „Alles, was Du willst, Mama.“

Eigentlich müsste ich wissen, dass es unklug ist, sowas so leicht dahinzusagen.

Mama: „Ich brauche auch noch Briefumschläge. Nimm einfach einen großen Umschlag und steck alles da rein.“

Ich: „Okay… mach ich…“

Nächstes Telefonat. Die Sendung war nicht hundertprozentig zu Ihrer Zufriedenheit.

Mama: „Danke für die Post. Du hast Dir wirklich Mühe gegeben.“

Miserable Tochter, die Fortsetzung.

Ich: „?!? Stimmte damit irgendwas nicht?“

Mama: „Na ja, Du hast Siebzig-Cent-Briefmarken genommen.“

Ich: „Ja, weil Du meintest, Du bräuchtest Briefmarken für Standardbriefe. Und die kosten 70 Cent.“

Mama: „Nein, 45 Cent.“

Ich (also bin ich jetzt doof, oder was ist hier los?): „Nein, Mama, heutzutage müssen 70 Cent auf den Briefumschlag. 45-Cent-Briefmarken sind für Postkarten.“

Mama: „Das kann doch gar nicht sein. Briefe haben IMMER 45 Cent gekostet.“

Es folgt: Miserable Tochter, der unrühmliche Höhepunkt.

Ich: „Ja, damals, als Du noch den Weg zum Briefkasten geschafft hast,  haben die vielleicht noch 45 Cent gekostet.“

Kaum habe ich das ausgesprochen, beiße ich mir auch schon auf die Unterlippe. Das war jetzt fies.

Mama (altbekannter Brustton der Empörung): „Also SO lange ist das ja nun auch noch nicht her!!“

Doch, so lange war das her. Das weiß ich deshalb so genau, weil ich schon seit Jahren keine Post mehr von ihr bekommen habe, obwohl sie früher eine begeisterte Briefeschreiberin gewesen ist.

Ich (aus mir spricht das schlechte Gewissen): „Entschuldige bitte, war nicht so gemeint. Aber sag mal, ich dachte, der Weg zum Briefkasten sei so beschwerlich – wie willst Du das denn in Zukunft schaffen?“

Mama: „Ach, zerbrich Dir mal nicht meinen Kopf, das kriege ich schon hin.“

Ich (hellhörig): „Wem musst Du denn so dringend Briefe schicken? Kann ich das nicht von hier aus für Dich erledigen?“

…Pause…

Mama (einsilbig): „Nein, kannst Du nicht.“

Ich: „Aha. Geheimnisse?!?“

Mama (lacht gekünstelt): „Ach was. Papperlapapp.“

Jetzt kommt’s raus. Während ich quasi seit Jahren keine Post mehr von ihr bekomme (auch die früher obligatorische Geburtstagspostkarte ist zur Seltenheit geworden, aber ich bin ja auch nur die Tochter), scheint sie ausgiebige Brieffreundschaften mit dem großen Unbekannten zu pflegen. So unbekannt ist der, glaube ich, gar nicht. Es gibt da so einen ominösen, früheren Ex-Kollegen, der es ihr immer angetan hatte, aber da bohre ich lieber nicht nach und übe mich zur Abwechslung mal darin, eine weniger miserable und dafür umso diskretere Tochter zu sein.

Aber man wird ja wohl noch darüber bloggen dürfen.

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