Wenn graue Stare es von den Dächern pfeifen.

Meine Mutter sieht nicht mehr so gut. Mit 78 ja auch nichts so Besonderes. Ich bin 37 und habe auch schon -3 Dioptrien. Will gar nicht wissen, wie schlecht ich mit 78 sehen werde. Im Gegensatz zu meiner Mutter trage ich seit Feststehen meiner Sehschwäche eine Brille. Meine Mutter ist der Meinung, eine Brille sei keine besonders ästhetische Angelegenheit, weshalb sie das Tragen einer solchen verweigert. Da sie blöderweise ohne Brille nicht mehr lesen kann, musste sie sich vor ein paar Jahren wohl oder übel irgendwann auf eine einlassen. Die setzt sie jedoch nur zum Lesen auf. Ein Jammer, denn draußen auf der Straße beispielsweise könnte sie die Brille auch ganz prima brauchen, um beispielsweise näherkommende Autos zu erkennen.

Wenn meine Mutter in ihrem beschaulichen, Düsseldorfer Vorort auf die Straße geht, müsste eigentlich stadtteilweit eine Alarmsirene für alle anderen Verkehrsteilnehmer ertönen.

Aber alles Reden bringt nichts. Sie braucht ja auch keinen Rollator, obwohl ihr die Fortbewegung ohne Hilfsmittel sehr schwer fällt.

Ich habe irgendwann eingesehen, dass nicht ich es bin, die zu irgendeiner Einsicht kommen muss, sondern sie. Und dass meine Worte uns in dieser Hinsicht kein Stück weiter bringen. Hören und fühlen, sage ich nur. Wer nicht will, der muss.

Gelegentlich fällt ihr das Thema jedoch auf die Füße. Ich bewundere sie aber auch dafür, mit wie viel Starrsinnigkeit sie selbst dann noch die Konsequenzen ihrer Passivität wegignoriert. Wie neulich am Telefon.

Ich: „Hallo Mama, ich bin’s! Wie geht’s Euch?“

Mama: „Ganz gut. Ich sehe nur nichts mehr.“

Ich (erschrocken): „Wie – Du siehst nichts mehr?“

Mama (relativierend): „Na ja, ich sehe schon noch was. Aber ich kann kaum noch lesen.“

Ich (erleichtert, aber alarmiert): „Okayyyy… das ist ja nicht so toll. Wie wäre es, wenn Du das mal vom Augenarzt untersuchen lässt.“

Mama: „Jaja. Muss wohl gelasert werden.“

Ich: „Wie lautet denn die Diagnose?“

Mama: „Die Linsen sind ein bisschen trüb.“

Ich: „Also…mit anderen Worten…grauer Star?“

Schweigen.

Ich: „Seit wann weißt Du das denn?“

Mama: „Ach, erst seit anderthalb Jahren.“

Ich: „WAS? Und das sagst Du mir erst jetzt?!“

Telefonate mit meiner Mutter. Immer wieder schön. Hat was von Wundertüte. Leider weiß man nie, ob die darin enthaltene Überraschung positiver oder negativer Natur ist.

Mama: „Ach, das bisschen. Ist ja nun auch kein Weltuntergang.“

Ich: „Ja, aber wenn du nichts mehr siehst, ich meine – das Lasern ist doch wohl keine große Sache!“

Mama: „Ich habe aber Angst.“

Ich: „Das brauchst Du nicht. Die machen sowas heutzutage sogar ambulant. Ich komme mit, halte Händchen und bringe Dich hinterher nach Hause.

Mama: „Nein, das brauchst Du nicht. Das macht Papa schon.“

Ich: „Mama, bist Du sicher, dass Papa den Heimweg vom Augenarzt noch findet?“

Mama (felsenfest): „Aber natürlich.“

Dazu muss man wissen: Sie ist allerdings auch der Meinung, er könne noch alleine den Müll rausbringen, obwohl er die Treppenstufen vor dem Haus nicht mehr bewältigt. Die Nachbarn bringen den Müll weg. Aber wen interessieren schon diese unwichtigen Details.

Ich: „Dir ist klar, dass Du nach dem Eingriff erst mal nur verschwommen siehst, und dass Dich jemand stützen und mit dem Auto nach Hause bringen sollte? Ich sehe Euch schon orientierungslos durch Düsseldorf tapern, Du halb blind und Papa hilflos.“

Mama: „Nun mach das mal nicht schlimmer, als es ist. Das schaffen wir noch sehr gut alleine.“

Ich (muss die Chance nutzen und auf den Sinn und Zweck des Umzugs anspielen): „Das würde ich Euch ja wünschen, aber ich habe da so meine Zweifel. Für mich ist das mal wieder ein sehr gutes Beispiel dafür, wie dringend erforderlich Euer Umzug in meine Nähe ist.“

Mama: „Jetzt fang nicht wieder davon an. Ich habe gerade schon genug Sorgen.“

Thema abgebügelt.

Erwähnte ich schon, dass es mit der ganzen Umzugsgeschichte ein wenig schleppend läuft? An mir liegt das nicht.

Ich werde am Tag ihres Augenarzttermins also bangend auf mein Handy gucken und hoffen, dass mich im Anschluss keine unbekannte Düsseldorfer Nummer anruft und mir irgendein Fremder mitteilt, meine Eltern seien irgendwo orientierungslos herumirrend aufgefunden worden. Oder ich fahre einfach hin und begleite sie gegen ihren Willen. Ich muss noch mit mir selbst ausknobeln, wie ich mich verhalten soll. Vielleicht werfe ich eine Münze und hoffe, dass mich die Entscheidung – wie auch immer sie ausfällt – am Ende nicht um den Schlaf bringt. So wie neulich, als meinen Eltern mal wieder die Medikamente ausgingen, ich aber just zu diesem Zeitpunkt nicht kommen konnte, weil mein Kind Geburtstag feierte.

Meine Mutter beruhigte mich, sie würde den Weg zur Apotheke mit Links alleine schaffen, um dann auf dem Weg böse zu stürzen. An den Beinschmerzen laboriert sie heute noch herum, und mein schlechtes Gewissen erinnert mich ständig daran. Manchmal machen sie es mir auch nicht leicht.

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