Staubzucker und Staubsauger. Das Problem mit den Türvertretern, Folge 2

Seit wir letztes Jahr die Vorsorgevollmacht und die Bankvollmachten unter Dach und Fach gebracht haben, kann ich für meine Eltern auch online Bankgeschäfte erledigen. Früher musste meine Mutter zu Fuß zur Filiale laufen, wenn sie Überweisungen tätigen wollte. Heute ruft sie mich an, gibt mir die Daten durch, und ich erledige das via Banking.

Mein Vater steht diesem ganzen Online-Bankgeschäfte-Ding zwar skeptisch gegenüber:

Eigentlich gefällt mir das gar nicht so gut, dieses Bankinternetdings,

was ich sogar ganz gut nachvollziehen kann, aber es gibt ja keine Alternative. Keiner von beiden ist noch gut genug zu Fuß, um für jeden Hickser zur Bank zu gehen.

Ab und an werfe ich deshalb auch mal einen Blick auf die Kontobewegungen und prüfe, ob aktuelle Rechnungsbeträge fristgerecht vom Konto abgegangen sind. Und so kommt es, dass auch ich ab und zu mal sagen muss:

Eigentlich gefällt mir das gar nicht so gut, was ich da sehe.

Neulich gucke ich da nichtsahnend rein und wundere mich, dass meine Eltern offenbar regelmäßige Ratenzahlungen an einen bekannten, großen, grünweißen Staubsaugerhersteller leisten, und das nicht zu knapp. Immer so um die hundert Euro, und das jeden Monat, seit einem halben Jahr. Ich wundere mich. Was kann dort so teuer sein? Okay, die stellen so eine Küchenmaschine her, die angeblich alles kann, und auf die alle scharf sind, obwohl sie wahnwitzig teuer ist. Aber Küchenmaschinen passen überhaupt nicht zu meiner Mutter. Niemals würde sie sich dafür viele Monate lang verschulden.

Nächstes Telefonat. Ich frage mal unauffällig nach.

Ich: „Sag mal Mama, mir ist da so neulich mal aufgefallen, Ihr zahlt jeden Monat hundert Euro an die Firma XY, was ist denn das?“

Mama: „Hundert Euro? Oh, da muss ich mal überlegen. Ich bin mir nicht sicher, aber das müsste noch der Staubsauger sein.“

Ich: „Der Staubsauger. Was für ein Staubsauger?“

Mama: „Na, wir haben einen neuen gekauft.“

Ich: „War der alte kaputt?“

Mama: „Nicht direkt.“

Nicht direkt? Wie kann ein Staubsauger „nicht direkt kaputt“ sein?

Ich: „??“

Mama: „Naja. Es bot sich gerade an.“

Ich (kneife die Augen zusammen): „Der FirmaXY-Vertreter stand mal wieder vor der Tür, stimmts?“

Mama: „Ja, und der war SO nett.“

Papa (aus dem Hintergrund): „Der hat das richtig gut gemacht! Da wollten wir dann am Ende nicht sagen: Nein, wir kaufen nichts. Der muss doch auch was verdienen. Das ist bestimmt kein leichter Job.“

Meine Eltern, die barmherzigen Samariter.

Ich (kneife die Augen noch fester zusammen): „Okay, wie viel?“

Mama: „Das war ein SUPER Angebot, einfach SUPER.“

Ich (wage kaum, zu atmen): „So teuer?“

Mama: „Ach naja. Qualität hat eben ihren Preis. Die FirmaXY-Sauger halten ja auch sehr lange.“

Ich: „Du meinst, so wie Euer alter, der ja offenbar noch tadellos funktioniert?“

Mama: „…“

Ich (atme noch mal tief durch, Tränen fließen inzwischen aus meinen zusammen gekniffenen Augen heraus): „Ich bin bereit. Sag es.“

Mama: „Nur 100 Euro im Monat, das ist doch nicht viel. Das Kreditangebot war auch sehr gut, nur 7,5% pro Jahr. “

Ich (kann nur noch hauchen, nicht mehr sprechen): „Wie lange?“

Mama: „Ich glaube, 18 Monate.“

Also 1.800 Euro. Ziemlich viel Staubzucker für einen ziemlich teuren Staubsauger.

Schweigeminute. Ich sammele mich. Es geht mich nichts an. Sie sind erwachsen. Ich habe kein Recht, ihnen deshalb Vorhaltungen zu machen. Ich würde schließlich auch keine Standpauke hören wollen, wenn ich eingestehen würde, dass ich mir gerade Schuhe für 280 Euro gekauft habe. Ein einziges Paar. Wenn ich es eingestehen würde. Was ich natürlich nicht täte, versteht sich. Es geht sie schließlich auch nicht so viel an.

Ich: „Was kann er, dass er so teuer ist? Hat er vergoldete Griffe, kann er fliegen, das Wetter vorhersagen, oder was?“ frage ich und merke schon, dass mein Ton ziemlich streng wird.

Also. Noch mal: Es geht mich nichts an. Leider kann ich trotzdem nicht verbergen, dass es mich natürlich aufregt. Ich persönlich habe noch nie mehr als 200 bis 300 Euro für einen Staubsauger ausgegeben und halte das auch durchaus für ausreichend. Ich kaufe sie in großen Elektrofachmärkten oder online. Je nachdem, wo ich den besseren Preis bekomme. Das kennen meine Eltern nicht. Zum Beispiel wird bei meinen Eltern alles, was einen Stecker hat (bis auf den Staubsauger), seit Jahren beim Elektrogeschäft um die Ecke erworben. Das sind so Läden, die gefühlt aus dem letzten Jahrtausend stammen und so Namen tragen wie „Elektro Stüwers“ . Und wo der Fernseher mal locker drei Mal so teuer ist wie bei einem großen Megastore. Und der kann dann auch nicht fliegen, der Fernseher. Eins muss man Mama und Papa lassen: Ihre Einkaufspolitik zeichnet sich in Sachen Elektronik durch Stringenz aus. Sie kaufen elektronische Gebrauchsgegenstände grundsätzlich völlig überteuert, um den kleinen Einzelhandel zu stärken. Sie sind jedenfalls nicht dran schuld, wenn Buchhändler und Fernsehläden wegen Amazon kaputt gehen. Großherzige Samariter, sagte ich ja bereits.

Mama (klingt jetzt etwas hilflos): „Aber er hat eine vollautomatische Bodenerkennung!“

Ich (seufze): „Ja, aber Ihr habt doch im ganzen Haus Teppich. Außer in der Küche und im Bad, da habt Ihr Fliesen. Er muss also gerade mal zwei verschiedene Bodenarten erkennen.“

Papa (ruft aus dem Hintergrund): „Und für den Teppich haben wir noch den Teppichfrischer gekauft.“

Man hört ihm einen gewissen Stolz an. Er freut sich.

Mama (beeilt sich zu sagen): „DEN haben wir aber nicht finanziert, den haben wir bar bezahlt.“

Ich will’s gar nicht wissen. Nein, ich will nicht wissen, was der nun wieder gekostet hat. Ich halte mir einfach die Ohren zu.

Papa: „Der war viel günstiger. Nur 1.200. Geht doch. Für so ein super Gerät.“

Für meinen fünfminütigen Weinkrampf nutze ich nun die Mikrofon-Stummschaltungstaste an meinem Telefon. Ich möchte ihnen schließlich nicht die Freude verderben.

Dazu sollte man noch wissen, dass sich die Teppiche im Haus meiner Eltern in keinem exzellenten Zustand befinden, weil sie bereits damals beim Hausbau im Jahr 1980 mit verlegt wurden und nun mehr oder weniger Museumsreife erlangt haben. Der Gedanke, dass da ein hochtechnologisches Gerät ran muss, ist an sich ja gar nicht so verkehrt. Aber es müsste schon eher ein extraterristrisches her, um diese Teppiche wieder so richtig in Schuss zu bringen.

Ich (nachdem ich mich wieder beruhigt habe): „Ihr habt also einen neuen Staubsauger und einen neuen Teppicherfrischer gekauft.“

Papa ruft: „Jaha, bei uns kannst Du bald wieder vom Teppich essen!“

Ich: „Ach, lasst mal stecken.“ Nicht mal, wenn er mit Staubzucker garniert wäre.

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Ein Gedanke zu “Staubzucker und Staubsauger. Das Problem mit den Türvertretern, Folge 2

  1. Geht ans Herz und unter die Haut !

    Danke für’s Teilen – und lernen …:
    Memo an mich : rechtzeitig mit meinen Eltern reden, auch wenn es vielleicht schwer fällt – weil es unangenehm sein könnte, aber später noch viel unangenehmer ausfallen könnte ..!

    Gefällt 1 Person

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