Die Mittwochs-Bestell-Dialoge, Folge 2: „Immer schön moderately!“

Es war wieder Mittwoch. So wie neulich.

Mein Handy klingelt. „Mama und Papa“ rufen durch.

Ich (nenne meinen Namen und sage dann): „(…), ja hallo?“

Mama (wer braucht schon lästige Begrüßungsformeln): „Tochter, bist Du es?“

Ich: „Japp.“

Mama (irritiert): „Wie?“

Ich: „Ja, Mama!“

Mama (erleichtert): „Gott sei Dank, ich dachte schon, ich hätte mich verwählt.“

Ich (geduldig): „Nein.“

Mama (dem untrüglichen Mutterinstinkt folgend): „Du klingst so verschnupft. Bist Du krank?“

Ich: „Nein, Mama, alles gut.“

Mama (geht gleich zum Wesentlichen über): „Also, wir brauchen wieder Lebensmittel.“

Ich: „Alles klar. Bin startklar. Kann losgehen.“

Im Hintergrund öffne ich ein Browserfenster und gebe die URL des Online-Supermarktes ein.

Mama: „Es ist dringend. Wir haben seit Tagen kein Brot mehr. Ich habe schon zur Nachbarin gesagt, dass wir morgens verhungern. Da hat sie uns Brötchen mitgebracht. Die waren aber steinhart!“

Ich (so unironisch wie irgend möglich): „Das ist natürlich kein Zustand.“

Ich erkenne die Dringlichkeit, reserviere deshalb direkt schon mal eine Lieferzeit und sehe, dass übermorgen der frühestmögliche Liefertermin ist. Nicht optimal, aber besser als gar nichts. Ab sofort haben wir 30 Minuten Zeit zu bestellen, bevor die Reservierung verfällt und der Liefertermin gegebenenfalls nicht mehr zur Verfügung steht. Das ist normalerweise zu schaffen, versetzt mich aber ein wenig in Zeitdruck. Sonst kommt das Brot erst in drei Tagen. Das wäre inakzeptabel.

Die Uhr läuft.

Mama: „Zwei von den tollen Rouladen. DIE waren vielleicht lecker! Pass auf: Einfach in der Pfanne mit ein bisschen Biskin anbraten. Biskin kennst Du doch?“

Same procedure wie neulich mit der Gemüsebrühe. Nur dass mich diesmal ein Vortrag über das Braten mit Pflanzenfett erwartet.

Ich: „Ja, ist mir ein Begriff. Soll ich Biskin auch auf die Liste setzen?“

Mama: „Nein, das habe ich noch. Was ich aber sagen wollte: Einfach rundherum anbraten und dann ab in den Schmortopf, ach ja, dafür brauche ich noch Gemüsebrühe, die gibst Du dann einfach immer mal wieder drüber und lässt das Ganze dann so anderthalb Stunden garen. Weißt Du, Gemüsebrühe, aus dem Glas. Solltest Du unbedingt auch mal verwenden.“

Ich (versuche, die relevanten Informationen des Vortrags auf den Punkt zu bringen und das Ganze etwas zu beschleunigen): „Also, Du brauchst Gemüsebrühe. 1x.“

Mama: „Nein, habe ich auch noch.“

Ich: “ Aber Du sagstest doch vorhin, die bräuchtest Du noch!“

Mama (energisch): „Nein, sagte ich nicht.“

Gespräch aufzeichnen – ich vergesse es doch immer wieder.

Mama: „Eine Dose Erbsenmöhren. Die mag Papa so gerne.“

Ich: „Alles klar. Wie sieht’s mit Wasser aus?“

Mama (sehr bestimmend): „Wasser müssen wir ein andermal bestellen.“

Ich: „Wieso? Habt Ihr denn noch was? Mama, Du weißt, das ist wichtig, jetzt im Sommer, dass Ihr immer genug Wasser habt. Ihr trinkt eh zu wenig, finde ich.“

Mama (beharrlich): „Wasser machen wir beim nächsten Mal.“

Ich: „Aber warum denn? Schau doch einfach mal nach, das ist doch schnell mitbestellt.“

Noch 24 Minuten bis Lieferzeit-Verfall.

Mama (zögerlich): „Das geht nicht.“

Ich (Hartnäckigkeit liegt bei uns in der Familie): „Warum nicht?“

Mama (seufzt): „Papa will jetzt Fußball gucken“ [Es laufen gerade EM-Spiele, Anm. d. Red.]

Ich (den Zusammenhang nicht begreifend): „Ja, und?“

Mama (nun schon deutlich gedehnt): „Ich brauche Papa, um das Wasser zu zählen. Das steht unten im Schrank. Ich komme da nicht runter.“

Ich (alarmiert): „Hast Du wieder Schmerzen in den Beinen?“

Mama (abwiegelnd): „Kaum.“

Also ja. Aber das erörtern wir ein andermal.

Ich: „Dann wird Papa sein Fußballspiel wohl mal kurz sein lassen müssen.“

Mama: „Also schön.“ (und ins Wohnzimmer rufend) „S! Wir brauchen Wasser!“

Papa (brüllt zurück, ohne sich einen Zentimeter zu bewegen): „Nimm 12 Flaschen!“

Mama (schreit in den Hörer): „Aber Du hast doch gar nicht geguckt!“

Mir rutscht vor Schreck das Handy von der Schulter. Als ich es wieder am Ohr habe, höre ich nur noch Papa erwidern: „Ist ja gut, brüll nicht so, ich komm ja schon!“

Er muss dazu eine Treppe überwinden. Es dauert einen Moment.

Ich (auf die Uhr schauend): „Können wir dann schon mal weitermachen?“

Mama: „Nein, das bringt mich durcheinander. Wir machen jetzt erst das Wasser.“

Ich (seufzend): „Na schön.“

Im Hintergrund hört man noch immer Papas Schritte auf der Treppe. Einen. Nach. Dem. Anderen. Wir haben ja Zeit.

Genau genommen noch 18 Minuten. Noch bin ich entspannt.

Papa (in der Küche angekommen, öffnet den Schrank): „Nix mehr da. Hab ich doch gleich gesagt: Bestell 12 Flaschen. Aber nein, da muss ich extra hier hoch latschen.“

Mama: „Fahr mich nicht so an! Du weißt doch: Immer schön moderately.“

Ab und zu mischt meine Mutter ein paar Anglizismen unter ihr Vokabular. Sie möchte damit Eindruck schinden, stiftet aber meist nur Verwirrung.

Papa (versteht wie gewohnt kein Wort): „Was?“

Mama: „Was wäre denn gewesen, wenn wir noch 10 Flaschen gehabt hätten?“

Papa: „Na, dann hätten wir jetzt eben 22!“

Mama (verständnislos): „Was sollen wir mit 22 Flaschen Wasser?!?“

Papa: „Na und? Ist doch egal, die werden doch nicht schlecht.“

Mama: „Aber dann ist der Schrank voll, und nichts anderes passt rein.“

Papa: „Es muss doch auch gar nichts anderes rein, das ist doch der Wasser-Schrank!“

Mama: „Wir könnten ihn aber auch mal für was anderes nutzen.“

Noch 15 Minuten bis Lieferzeit-Verfall, und wir haben den Warenkorb noch nicht mal annähernd zu meiner Zufriedenheit gefüllt. Immer schön ruhig bleiben. Immer schön „moderately“.

Ich räuspere mich dezent, um mich in Erinnerung zu rufen.

Mama (sofort auf Empfang): „Ich wusste doch, dass Du krank bist!“

Ich: „Nein, ich wollte nur zeigen, dass wir mal weitermachen müssen.“

Mama (wie aus der Pistole geschossen): „Nimm Esberitox, das stärkt die Abwehrkräfte.“

Mit Abscheu erinnere ich mich an dieses bittere Zeug, mit dem sie mich in meiner Kindheit durch die kalten Jahreszeiten hindurch gequält hat, weil in der Apotheken-Umschau stand, das würde vor Erkältungen schützen.

Papa (hat sein Fußballspiel jetzt glatt vergessen, und wo man schon mal da ist, kann man ja auch Wünsche äußern): „Und diese kleinen Möhren. Die mag ich gerne!“

Mama: „Die Dose Erbsenmöhren, die habe ich schon bestellt.“

Papa (fühlt sich missverstanden): „Nein, nicht Erbsenmöhren, normale Möhren, diese kleinen, runden, auch aus der Dose!“

Mama: „Jahaaa, eine Dose Erbsenmöhren!“

Papa: „Ich will aber nur die Möhren. Die Erbsen brauche ich nicht.“

Ich möchte ihm ja gerne erklären, dass die Dose sowohl Erbsen als auch Möhren enthält, aber mir hört ja keiner zu.

Noch 10 Minuten bis Lieferzeit-Verfall. Ich sehe sie schon kommen, die drei weiteren Tage ohne Brot.

Mama (zu Papa): „Ich fange doch jetzt nicht an, für Dich die Möhren aus den Erbsen rauszusortieren!“

Es folgt ein sechsminütiger Dialog meiner Eltern, in dem die Fragen, weshalb eine Dose Erbsenmöhren sowohl Erbsen als auch Möhren enthält und warum man nicht einfach beides getrennt voneinander kauft, in ausreichendem Maße erörtert werden. Am Ende steht die Erkenntnis, dass es letztlich doch wohl praktischer sei, Dosen zu bestellen, die beides enthalten. Ich klicke erleichtert drei Dosen Erbsenmöhren in den Einkaufswagen.

Papa (mürrisch): „Ich gehe wieder Fußball gucken. Ihr seid mir zu kompliziert!“

Ich (konsterniert): „Ihr? Wieso ‚Ihr‘?“

Einige Artikel später, und der Countdown läuft: Noch 2 Minuten bis Lieferzeit-Verfall.

Ich: „Also, Mama, es waren leider nur noch große Lieferfenster übrig, ich habe jetzt übermorgen von 14.30 Uhr bis 22 Uhr reserviert.“

Mama (Protest!): „Das geht nicht, da liege ich im Bett.“

Ich (stirnrunzelnd): „Du wirst doch wohl mal bis 22 Uhr durchhalten, Mama.“

Mama: „Nicht abends. Mittags! Ich mache Mittagsschlaf und möchte nicht gestört werden.“

Ich: „Dann hast Du die Wahl zwischen gestörtem Schönheitsschlaf und frühester Lieferung erst in drei Tagen, dann von 16 bis 18 Uhr.“

Mama: „Ja, dann machen wir das.“

Ich: „Mama. Sagtest Du nicht zur Nachbarin, Ihr würdet morgens verhungern?!?“

Mama: „Nun übertreib nicht so, so würde ich mich nie ausdrücken.“

Ich: „?!!?!…“

Noch 1 Minute bis Lieferzeit-Verfall. Aber wen kümmert’s. Mittagsschlaf ist Mittagsschlaf. Wer braucht schon Brot. Und Wasser wird doch auch vollkommen überbewertet.

Mama: „Weißt Du, dass Menschen, die regelmäßig Mittagsschlaf machen, im Schnitt fünf Jahre länger leben? Schreibt sogar die Apotheken-Umschau.“

Die Rentner-Bibel wieder. Gegen die habe ich argumentativ natürlich schlechte Karten. Schon seit Jahren.

Ich: „Steht da nicht auch drin, dass das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages ist? Und wie soll das gehen, ohne Brot, und mit steinharten Brötchen?“

Mama (zögernd, überlegt): „Hm. Na ja. Okay, dann nimm den früheren Termin.“

Ha! Sieg auf ganzer Linie!

Ich bestelle, und die Lieferzeit übermorgen ist auch noch frei. Das läuft ja wie am Schnürchen! Ich navigiere mich durch den Vorgang und will ihn gerade mit einem Klick auf „Bestellen“ abschließen.

Serverfehler.

Warenkorb gelöscht.

Lieferzeit weg.

Immer schön moderately. Immer. Schön. MODERATELY.

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Ein Gedanke zu “Die Mittwochs-Bestell-Dialoge, Folge 2: „Immer schön moderately!“

  1. … voll aus dem Leben! Wie sehr mich diese Telefonate mit meiner Mutter genervt haben; wenn zwischendurch mit dem Vater diskutiert, mit dem Nachbar an der Haustür geplaudert wurde usw.

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