„Mama, wo kommt der WLAN-Router her?“ oder: Das Problem mit den Türvertretern, Folge 1

Als ich mit 17 noch bei bei meinen Eltern wohnte, schleppte ich ein 56-K-Modem an, womit wir der erste Haushalt mit privatem Internetzugang in der gesamten Straße waren. Meine Eltern sahen mich erst fragend an, und dann ärgerten sie sich über eine ständig belegte Telefonleitung. Als ich zwei Jahre später auszog, freuten sie sich, wieder ungestört telefonieren zu können, und das war’s. Das Internet war Mama und Papa nicht geheuer und fand deshalb nie wieder Einzug in mein Elternhaus. Dachte ich.

Bis ich eines Tages bei einem meiner letzten Besuche im Wohnzimmer meiner Eltern einen WLAN-Router entdeckte. Mein Blick fiel auf die Kabel-TV-Dose in der Wand, die auch so merkwürdig neu aussah und plötzlich drei Steckplätze hatte, statt zwei, so wie früher.

„Mama, was ist das?“ fragte ich und zeigte auf das kleine, schwarze Gerät. Natürlich wusste ich, was das war. Aber wie zur Hölle kam der WLAN-Router hierher, in die letzte internetfreie Bastion Düsseldorfs?

„Keine Ahnung!“ sagte meine Mutter und zuckte mit den Schultern. Dann fiel es ihr wieder ein. „Ach ja, da war neulich so ein Mann von der Telekom. Der hat ein bisschen in der Wand herumgebohrt und dieses Ding hier stehen lassen.“

„Der war nicht von der Telekom.“ korrigierte mein Vater sie mürrisch. „Der war von U-Netti-Media. Oder so ähnlich.“ (Anm. d. Red.: Der Name des Telekommunikationsanbieters wurde geringfügig verfremdet)

Ich wurde hellhörig. „Wie, Moment mal. U-netti-was?“

Meine Mutter seufzte. „Ja, der stand neulich vor der Tür, mit so einem dicken Aktenordner und meinte, unser alter Telefon-Vertrag mit der Telekom würde auslaufen und wir müssten einen neuen abschließen, und zwar bei ihm.“

Ich (alarmiert): „Wie bitte? Und dann?“

Meine Mutter: „Dann kam er hinein, und wir haben einen Vertrag abgeschlossen.“

Ich: „Oh-oh.“

Meine Mutter: „Und ein paar Tage später kam so ein Elektriker, und der hat dann irgendwas im Keller gemacht und hier so eine neue Buchse installiert und dieses Ding da hingestellt.“

Ich (akut kopfschmerzgefährdet): „Das ist ein Router, Mama, fürs Internet.“

Meine Mutter (zutiefst empört): „Was sollen wir denn damit?“

Ich: „Das ist eine gute Frage!“

Dann bat ich sie, mir die Unterlagen zu bringen, damit ich einen Blick darauf werfen konnte. Und nun möchte ich die Gelegenheit nutzen,

… um der Drückerkolonne von U-Netti-Media ganz herzlich zu gratulieren.

Und zwar zu diesem überwältigenden Maß an Skrupellosigkeit, über das man zweifellos verfügen muss, um zwei wenig technikaffinen Rentnern einen vollkommen überdimensionierten Internetvertrag mit allem Pipapo aufzuschwatzen. Glückwunsch, das hat Euer Vertreter wirklich ganz prima hinbekommen. Und deshalb, ebenfalls aus aktuellem Anlass, mein offener Brief an eben jene hemmungs- und gewissenlose Persönlichkeit, die sich mehr oder weniger unbefugten Zutritt zum Haus meiner Eltern verschafft hat.

Lieber Vertreter,

als Sie an der Haustür meiner Eltern klingelten und Ihnen eine ältere Dame entgegen blinzelte, haben Sie da nicht einen klitzekleinen Augenblick sowas gedacht wie „Oh. Nein. Hier bin ich falsch.“ ?

Ist Ihnen, als Sie sich an ihr vorbei ins Haus drängten, niemals der Gedanke gekommen, dass Sie im Begriff sind, Hausfriedensbruch zu begehen?

Haben Sie möglicherweise überhört, dass meine Mutter Sie deutlich gebeten hat, das Haus wieder zu verlassen?

War es Ihnen nicht irgendwie unangenehm, trotzdem Platz zu nehmen, um mit meinem Vater ein pseudo-interessiertes Gespräch über den neuesten Fortuna-Transfer zu beginnen?

Wie haben Sie es geschafft, das Glas Wasser, das er Ihnen aus Höflichkeit anbot, anzunehmen, ohne vor Scham im Erdboden zu versinken?

Wie konnten Sie meiner Mutter, ohne mit der Wimper zu zucken, ins Gesicht lügen, ihr über 40 Jahre lang bestehender, anfangs noch bei der Deutschen Post beheimateter, späterer Telekom-Vertrag würde jetzt einfach so auslaufen, und wenn sie nichts unternähme, hätte sie bald kein Telefon mehr?

Wie war es Ihnen möglich, auszublenden, dass das einzige Kommunikationsgerät im Hause meiner Eltern ein Tastentelefon aus dem Jahr 1986 ist, und auf welchen verschlungenen Wegen ihrer Hirnwindungen ist daraus das fehlgeleitete Fazit entstanden,  meine Eltern bräuchten dringend einen Internetzugang?

Haben Sie möglicherweise den Hinweis meines Vaters, keinen Computer, kein Smartphone, kein Tablet und auch sonst kein internetfähiges Endgerät zu besitzen, auf irgendeine merkwürdige Weise fehlinterpretiert?

Fanden Sie den Einwand, dann sei es ja an der Zeit, sich die entsprechenden Devices anzuschaffen, nicht selbst vollkommen dreist und vermessen?

Und wäre es dann nicht wenigstens genug gewesen, ihnen den kleinsten Tarif anzudrehen, das Basispaket, statt der XXXL-Variante mit Highspeed und mega Highend-Router und allem zugehörigen Schwachsinn, mit dem sie nie im Leben irgendwas werden anfangen können?

Nein?

Ach so, dann sind sie vielleicht gar kein seriöser Vertreter von U-Netti-Media, sondern einfach ein provisionsdruckgesteuertes Mega-A******** einer Drückerkolonne, das gerne alte Leute über den Tisch zieht?

Ach so, na, das erklärt einiges.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s